Im Sommer 2024 durfte ich zwei Wochen in Schweden verbringen – eine Zeit, die viel mehr war als nur ein Tapetenwechsel. Über Holiday4Help kam ich zu einem älteren deutschen Rentnerpaar, das an einem idyllischen Haus direkt am See lebt. Meine Aufgabe: Unterstützung bei der Gartenarbeit. Mein Gewinn: Ein tiefer Einblick in eine Gesellschaft, die Landwirtschaft nicht nur nutzt – sondern wirklich wertschätzt.
Arbeiten mit Blick aufs Wasser
Die Tage begannen ruhig. Kein Hupen, kein Stadtlärm – nur Wind in den Birken und das Glitzern des Sees. Wir jäteten Unkraut, schnitten Sträucher, ernteten Beeren und pflegten Gemüsebeete. Es war keine „Instagram-Gartenarbeit“, sondern ehrliche, körperliche Arbeit. Und gleichzeitig hatte alles eine Selbstverständlichkeit.
Was mich beeindruckt hat: Der Garten war kein Hobbyprojekt, sondern Teil einer Haltung. Man baut an, was wächst. Man verarbeitet, was reif ist. Man friert ein, fermentiert, kocht ein. Nicht aus Trendbewusstsein – sondern aus Überzeugung.
Landwirtschaft als Teil der Identität
Während meiner Zeit dort konnte ich auch etwas vom schwedischen Landleben außerhalb des Gartens mitbekommen. Mir fiel auf, wie selbstverständlich regionale Produkte priorisiert werden. Im Supermarkt sind Herkunftskennzeichnungen klar sichtbar, und viele Menschen greifen bewusst zu national erzeugten Lebensmitteln – selbst wenn sie teurer sind.
Landwirtschaft genießt einen hohen Stellenwert. Nicht romantisiert, sondern respektiert. Bauernhöfe werden nicht nur als Produktionsorte gesehen, sondern als tragende Säulen der Gesellschaft – für Ernährungssicherheit, Landschaftspflege und kulturelle Identität.
Diese Wertschätzung zeigt sich auch politisch und gesellschaftlich: Regionalität ist kein Marketing-Schlagwort, sondern gelebte Praxis. Erdbeeren im Winter? Unüblich. Spargel im Dezember? Kaum Thema. Saisonales Essen ist Normalität.
Saisonalität ist kein Trend, sondern Struktur
Was mich besonders beeindruckt hat, war das Bewusstsein für Jahreszeiten. Der kurze, intensive Sommer wird genutzt. Beeren werden gesammelt, Pilze gesucht, Gemüse konserviert. Der Winter wird mitgedacht.
Diese saisonale Denkweise schafft automatisch eine engere Verbindung zur Landwirtschaft. Man weiß, wann etwas wächst. Man kennt die Herausforderungen des Klimas. Und man akzeptiert Grenzen – statt sie durch globale Lieferketten ständig zu umgehen.
Gerade im Vergleich zu anderen Ländern, in denen ich gearbeitet habe, fiel mir auf: Hier wird weniger über Landwirtschaft diskutiert – und mehr selbstverständlich hinter ihr gestanden.
Gesellschaftliches Vertrauen in die Landwirtschaft
Ein weiterer Punkt, der mir auffiel, war das Vertrauen. Es gibt eine große Nähe zwischen Verbrauchern und Produzenten. Hofläden, Wochenmärkte, Direktvermarktung – alles stark vertreten. Transparenz scheint weniger eingefordert werden zu müssen, weil sie bereits Teil des Systems ist.
Vielleicht liegt es auch an der Größe des Landes und der vergleichsweise kleinen Bevölkerung. Vielleicht an der politischen Struktur. Vielleicht an der Mentalität. Wahrscheinlich an allem zusammen.
Zwei Wochen, die geblieben sind
Für mich persönlich waren diese zwei Wochen mehr als Gartenarbeit. Sie waren eine Erinnerung daran, warum ich Landwirtschaft liebe – und wie unterschiedlich sie gesellschaftlich eingebettet sein kann.
Zwischen See, Blaubeersträuchern und Gesprächen bei Kaffee und Zimtschnecken wurde mir klar: Wertschätzung für Landwirtschaft entsteht nicht durch Kampagnen. Sie entsteht durch Nähe, Verständnis und gelebte Regionalität.
Und vielleicht auch durch Momente, in denen man barfuß im Garten steht, Erde an den Händen hat – und merkt, dass genau das irgendwie Sinn macht. 🌱







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